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Kolumne ‚Meine Meinung‘: Ich oder wir – was ist die Zukunft?

Unser Land diskutiert Corona. Seine Auflagen und seine Folgen. Abstandsgebot und Mundschutz. Zusammenkünfte und Flächen-Tests. Es gab aber ein Thema lange vor der Pandemie und nun erst recht in derselben: wieviel ‚Gesellschaft‘ gibt es in unserer Gesellschaft? Zu kompliziert? Gerne einfach: Dominiert in Deutschland zwischenzeitlich das ‚Ich‘ das ‚Wir‘?

Ein kurzer Rückblick: Als ich D-Jugendspieler bei der TSG Salach war, hatte mein Vater für den Samstag eine Karte VfB-1. FC Köln im Neckarstadion in der noch jungen Bundesliga für mich. Gleichzeitig spielte unsere D-Jugend an diesem Nachmittag ein wichtiges Pflichtspiel. Unser Jugendleiter sagte: wenn du nicht da bist, kann ich dich für den Rest der Saison auch nicht brauchen. Eine der schlimmsten Entscheidungen meiner frühen Jugend. Noch was: Als ich als 31-Jähriger zur weltbekannten IBM kam, war ich gelegentlich im belgischen La Hulpe im europäischen Schulungszentrum: wie funktioniert unsere Unternehmenskultur? ‚Me‘ or ‚we‘? pinselten die Dozenten unerbittlich auf das Flip-Chart. Die Botschaft war glasklar: mit ‚me‘ wirst du in diesem großartigen Unternehmen keinen Erfolg haben!

Seither sind Jahre vergangen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs startete der Siegeszug des Turbokapitalismus und der begann seine Sätze mit ‚Ich‘. Nicht nur in den Führungsetagen. Nicht nur in den Werbe-Spots. Kostproben gefällig: Das geht ‚mir‘ am A… ab. ‚Ich‘ hab eine Rechtsschutzversicherung. Warum soll ‚ich‘ noch Kirchensteuer zahlen? Meine These: aus dem seit den 90ern zunehmend rüden und anonymen globalisierten Wirtschaftsleben hat sich eine Kultur des kalten Egoismus und der Hartherzigkeit auch in unsere Gesellschaft hineingefressen… und ganz so ‚bloß verführt‘ waren wir selber daran nicht. Heute sind viele infiziert. Übrigens auch die Parteien: ‚Ich und meine Stellvertreter haben beschlossen‘, ‚Ich‘ möchte ‚meine‘ Initiative vorstellen. ‚Mein‘ Wahlkreis, ‚meine‘ Landesregierung. Zwar liegen, wie so oft, Erhabenheit und Lächerlichkeit dabei nahe beieinander. Aber die Zeichen trügen nicht: auch in der Politik sind die Egos auf dem Vormarsch. Leider mitunter auch in unserer Partei, der SPD… Gott sei Dank gibt es aber auch immer wieder Voten für harte Klarheit des ‚wir‘. 

Die knappe Wahl von Andreas Stoch zum Landesvorsitzenden der SPD Baden-Württemberg zählt dazu. Wie kann man die Egos stoppen? Nicht durch herbei gewünschte heilsame Erfahrungen aus Corona. Trotz aller hehren Thesen. Grüner Zuckerbäcker- Aufguss hilft nicht. Mir wird über die Jahre zunehmend deutlicher: Egoistisches Fehlverhalten muss im öffentlichen Raum benannt und sozial sanktioniert werden. Das mag archaisch daherkommen, aber es ist eben auch demokratisch wirksam. Zu kompliziert? Gerne einfach: wer sich mal richtig vor anderen schämt, lernt daraus…

‚Ich‘ oder ‚wir‘? Wir können das nicht bloß bei der Politik abladen. Es ist der ‚Citoyen‘, der freie und verantwortliche Bürger, der selbst klären muss, ob der neue ‚Bourgeois‘ im Verein mit dem ‚Untertan‘ die Oberhand behält und die freie und soziale Gesellschaft das Nachsehen hat. Oder der freie Mensch das ‚Wir‘ der Gesellschaft gestaltet?  Das ist eine der Kardinalsfragen der kommenden Jahre. Kompliziert. Aber einfach.

Ihr Peter Hofelich MdL

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