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„Ein neuer Aufbruch für das Gründerland Baden-Württemberg“

„Ein neuer Aufbruch für das Gründerland Baden-Württemberg“

von Peter Hofelich, industriepolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion

Existenzgründungen sind dynamische Treiber entwickelter Volkswirtschaften. Neue  Ideen und Technologien kommen zum Durchbruch, unternehmerischer Wagemut wirkt stimulierend, beträchtliche Hebeleffekte für neue Beschäftigung entstehen.

Die[ Situation ist unbefriedigend und alarmierend

Baden-Württemberg  gilt als Land der Tüftler.  Dieser Ruf ist kommunikativ intakt, aber zunehmend  weniger faktisch belegt. Das Gründungsgeschehen  im Lande ist tatsächlich rückläufig, in der konjunkturellen Talfahrt wie im Aufschwung.  Baden-Württemberg rangiert bei Gründungsstatistiken  gerade mal  als Anführer des unteren Drittels der Bundesländer.  Ein inakzeptabler Zustand.

Die detaillierte Betrachtung liefert Hinweise, dass unser Land dabei in seiner Substanz gefährdet ist: „Baden-Württemberg ist von einer nachlassenden Gründungsintensität im industriellen Hightech-Bereich betroffen“. Und: „Das Eigenkapitalangebot für junge innovative Hightech-Unternehmen ist in Baden-Württemberg ungenügend“, schlussfolgert der von der Landesregierung eingesetzte Innovationsrat Baden-Württemberg.

Die Organisation der Gründungsförderung im Lande ist in die Jahre gekommen. Es sind kaum originäre Landesmittel vorhanden. Die Förderung stützt sich auf durch geleitete Fördergelder der Europäischen Union. Im verantwortlichen Wirtschaftsministerium betreut das für Existenzgründungen verantwortliche ‚Ifex‘ eine Förderlandschaft, die  kaum mehr Nachweise von Erfolgen für die eingesetzten Ressourcen liefern kann. Einziger sichtbarer Tätigkeitsnachweis aus dem Wirtschaftsministerium  sind die niedrigschwelligen Innovationsgutscheine. Diese tragen eher den Charakter von Zusatzanreizen und sind für[Existenzgründungen selten initiierend.

Die vor über einem Jahrzehnt gegründeten und schnell erfolgreichen regionalen Gründerverbünde um Hochschulstandorte herum,  sind praktisch inaktiv. Die Anschubfinanzierung durch das Exist-Programm des Bundes, bei dem zum Start die Regionen Karlsruhe und Stuttgart erfolgreiche Anträge stellten, blieb in den letzten Jahren aus.  Das BMWi und das BMBF tendieren zwischenzeitlich  wieder zur Einzelförderung von Hochschulen. Regionale Gründerverbünde sind aber als Instrumente der Wirtschaftsförderung auf Fördermittel angewiesen. Die bundesweite Agentur für Existenzgründerinnen, für welche ein Konsortium aus Uni Hohenheim und Ifex  vor Jahren vom BMBF den Zuschlag bekommen hatte, ist kaum sichtbar. Heute gehen für die best ausgebildeter Generation von Frauen, die unser Land je hatte, von Baden-Württemberg aus  keine bundesweiten Akzente mit dieser Plattform aus. Interessant bleiben die im Land existierenden Netzwerke von ‚Business Angels‘, welche junge Existenzgründer mit Wagnis- und Beteiligungskapital versorgen können. Hier stellen sich allerdings per Definition kaum Mengeneffekte ein. Die Existenzberatungstätigkeit der Kammern schließlich, ebenfalls regional organisiert, funktioniert seit Jahren in der Breite auf gutem Niveau, ist aber nicht geeignet, um von sich aus Gründungsschübe auszulösen.

Eine neue Strategie ist geboten

Unser Land braucht  einen Schub neuer Existenzgründungen, um seine wirtschaftliche Vitalität zu erhalten und zu erneuern. Das Land ist hier mit gefordert. Ein strategischer Ansatz, im wirtschaftlichen Aufschwung  besonders Ausgründungen aus Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und aus erfolgreichen größeren Technologieunternehmen zu fördern, erscheint am vielversprechendsten. Diese sogenannten Spin Offs haben den Vorteil, dass Erfahrung und Wissen sich bei den Gründern schon aufgebaut hat und eine tragfähige Geschäftsidee vorhanden ist.  Dazu sollte eine gezielte Gründungsmotivierung von zwei Zielgruppen kommen: Frauen als Gründerinnen und ehemalige Hochschulabsolventen als Gründerinnen und Gründer. Bei allen kommt es ganz wesentlich auf die Finanzierung der Ideen, auf faire Kontakte zu potentiellen Partnerfirmen, auf die Verfügbarkeit von Patenten und auch auf die Verfügbarkeit von Räumlichkeiten mit Fühlungsvorteilen zur jeweiligen Branche an. Deshalb sollten erstens durch eine vom Land eingerichtete ausreichend ausgestattete Wagniskapitalfinanzierung für High Teich-Unternehmen, zweitens durch neutrale Plattformen für Partnerschaften zwischen etablierten und Gründungsunternehmen wie auch eine mit den großen Technologieunternehmen des Landes gebildete ‚Patentverwertungs-Allianz‘  für Existenzgründer und schließlich drittens durch eine gesonderte Widmung  des Landessanierungsprogramms für den Aufbau von Gründerzentren in Industriebrachen heutige Gründungshemmnisse beseitigt werden. Alle drei Säulen bilden die Strategie des Landes und können durch eigene, wie europäische und Bundesmittel gefüllt werden.  Um diese Strategie wirksam zu machen, ist eine Neuorganisation der Gründungsförderung in der Landesregierung  insgesamt und insbesondere im Wirtschaftsministerium notwendig.

Die Landesregierung hat in den letzten Monaten erkannt, dass eine Revision ihrer Existenzgründungspolitik unvermeidlich ist. Die eingeleiteten Schritte lassen jedoch keinen integrierten Ansatz erkennen. Ausgeweitet wurde das Budget von Seed-Kapital bei der Wagnisfinanzierung auf immer noch, im Ländervergleich, völlig ungenügende 5 Mio. Euro. Alle weiteren Maßnahmen, etwa durch das Center-Konzept für neue industrielle Felder, derzeit für Elektromobilität und für Umwelttechnologien, wirken allenfalls mittelbar für mehr Existenzgründungen, dürften im Ergebnis aber eher eine Stärkung existierender Firmen auf diesen Feldern bewirken. Tagesaufgabe bleibt es, das Gründerland Baden-Württemberg mit neuer Politik zu stimulieren.

Die Umsetzung ruht auf drei Säulen und konzentriert sich auf drei Gruppen

  1. Risikokapital

Die Marktkonsolidierung bei privat finanzierten Venture Capital Fonds ist zu Lasten Baden-Württembergs ausgefallen. Der öffentliche High Tech Gründerfond des Bundes und die ERP-Startfonds konnten in anderen Ländern die Lücke füllen, weil dort   öffentliche Fonds durch die Landesregierungen (oft mit EU-Mitteln) eingerichtet wurden und damit eine Komplementärfinanzierung mit geliefert wurde. In Baden-Württemberg war dies nicht der Fall. Der Vorschlag des Innovationsrates, einen landesweiten VC-Fonds mit 25 Mio. Euro auszustatten, ist umzusetzen. Die derzeit dafür im Haushalt neu vorgesehenen 4 Mio. Euro ( plus 1 Mio. aus dem Bestand ) sind in keinster Weise geeignet, den notwendigen Schub auszulösen. Der landesweite Fonds kann von der mittelständischen Beteiligungsgesellschaft  MBG aufgebaut werden.

  1. Patentverwertung

Große Technologieunternehmen nutzen oft nur rund 10 Prozent ihres Patent-Portfolios. Ein erheblicher Teil der 90 Prozent verbleibender ungenutzter Patente könnte – für das abgebende Unternehmen wettbewerbsneutral – an Existenzgründer zur Verfügung gestellt werden. Es sind sogar Patenschaften aus den großen Unternehmen für solche patentnehmende Existenzgründer denkbar, um eine effektive unternehmerische Begleitung von hoch innovativen Existenzgründungen zu gewährleisten. Es  ist eine Aufgabe des Landes, für solche Allianzen in den Regionen des Landes zusammen mit den Unternehmensverbänden und Kammern  Plattformen anzustoßen.

  1. Gründerzentren

Im Zuge einer flächenschonenden Politik sollte im Landessanierungsprogramm der kommenden Jahre ein Schwerpunkt auf die Sanierung unter- oder ungenutzter Industriebrachen gelegt werden. Existenzgründer/innen haben für solches altindustrielle Ambiente durchaus eine Präferenz, wie zahlreiche positive Beispiele belegen. Das Wirtschaftsministerium wird deshalb in einem Verfahren der Interessenbekundung  aus den Regionen des Landes Projekte sammeln und mit den anderen Existenzgründungsaktivitäten synchronisieren.

  1. Zielgruppe Frauen

Die best ausgebildete Frauen-Generation aller Zeiten im Land muss für mehr Existenzgründungen durch materielle und ideelle Anreize interessiert werden.

Dazu gehört das qualifizierte Coaching für Frauen, die den Wiedereinstieg in den Beruf über Existenzgründung suchen, das Anbieten von Mikrokrediten ( etwa über die KfW ) im Bereich von nicht-technischen Unternehmensgründungen, die Kombination von Kinderbetreuungsangeboten und  Arbeitsräumen in Gründerzentren und die Verknüpfung von einschlägigen Kampagnen, wie dem Girl’s Day, mit den Chancen der Existenzgründung.

  1. Ehemalige / Alumnis

Vielfach ist für den Studienabgänger der sofortige Sprung in die Selbständigkeit zu Recht nicht der Weg seiner Wahl. Die Hochschulen, insbesondere die Fachhochschulen, müssen deshalb in ihren Alumni-Angeboten einen Service ‚Existenzgründung als zweiter Schritt‘ für ihre ehemaligen Absolventen anbieten. Wer Kontakt zur Hochschule und ihren technisch-organisatorischen Angeboten hält, wird sich eher zutrauen, nach einigen Berufsjahren den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen. Die finanziellen Förderangebote müssen für diese Zielgruppe erhalten bleiben, auch wenn sie keine Studierenden mehr sind.

  1. Wissenschaftliche Mitarbeiter an Forschungsinstituten

Das im Lande über Jahrzehnte gewachsene Netz an Max Planck, Fraunhofer und Helmholtz-Instituten ist prädestiniert, mehr Existenzgründer hervor zu bringen. Dafür ist es notwendig, dem in der Regel forschenden Mitarbeiter/in dieser Institute eine kaufmännische Realisierung  seiner Ideen zu ermöglichen. Das heißt, es muss ein ‚Matching‘ von Kompetenzen ermöglicht werden. Hierfür sollen Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium ein gemeinsames Programm auflegen, das  mit der Initiative für die MINT-Berufe abgestimmt ist.

Mit diesen drei Säulen und den drei besonderen Zielgruppen, sowie einer gleichzeitigen Neuausrichtung der ministeriellen Organisation hin zu einer Querschnittsaufgabe ‚Existenzgründungen‘ sind wichtige Schritte für ein Gründerland Baden-Württemberg gemacht. Als weitere Schritte bieten sich themenorientierte Schwerpunktsetzungen an.

Leitender Gedanke ist es aber, einfache,  transparente und finanziell wirksame Verfahren der Existenzgründung durchzusetzen.

Peter Hofelich, 31.1.2011

 

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